In der U-Bahn

von Stephen Covey


Ich fuhr an einem Sonntagvormittag in der U-Bahn. Die Passagiere saßen still da, manche lasen Zeitung, andere waren in Gedanken verloren, einige hatten die Augen geschlossen und ruhten sich aus. Es war eine ruhige, friedliche Szene.

 

Dann stieg ein Mann mit seinen Kindern ein. Die Kleinen waren laut und ungestüm. Die ganze Stimmung änderte sich abrupt. Der Mann setzte sich neben mich und machte die Augen zu. Er nahm die Situation offenbar überhaupt nicht zur Kenntnis. Die Kinder schrien herum, warfen Sachen hin und her, zerrten sogar an den Zeitungen der anderen Fahrgäste herum. Sie waren sehr störend. Aber der Mann neben mir tat gar nichts.

 

Es war schwierig, nicht davon irritiert zu sein. Ich konnte nicht fassen, dass er so teilnahmslos war, dass er seine Kinder dermaßen herumtoben ließ und nichts dagegen tat, überhaupt keine Verantwortung übernahm. Mit aus meiner Sicht ungewöhnlicher Geduld und Zurückhaltung sprach ich ihn schließlich an: “Ihre Kinder stören wirklich sehr viele Leute hier. Könnten Sie nicht vielleicht ihre Kinder etwas mehr unter ihre Kontrolle bringen?“

 

Der Mann hob die Augen, alsob er sich zum ersten Mal der Situation bewusst würde, und sagte leise: “Oh, Sie haben recht. Ich sollte etwas dagegen tun. Wissen Sie, wir kommen gerade aus dem Krankenhaus, wo ihre Mutter – meine Frau vor einer Stunde gestorben ist. Ich weiß überhaupt nicht, was ich denken soll, und die Kinder haben vermutlich auch keine Ahnung, wie sie damit umgehen sollen.“

 

In dieser Sekunde wandelte sich mein Unmut, der von meinen kritischen Gedanken herrührte, in Mitgefühl!